Mittwoch, 27. Februar 2013

Zerreißprobe

Um eins kurz vorzwegzunehmen: Das Thema, über das ich heute schreibe, ist ziemlich schwer und kompliziert. Ich bin keine Theologin, aber ich möchte euch und mir trotzdem einen kleinen Einblick geben, weil es so gut wie jeden betrifft und mich außerdem interessiert.
Jeder von euch hat sich bestimmt schon mal die Frage gestellt, warum es Krankheiten, Hunger, Naturkatastrophen, Kriege und mehr auf der Welt gibt. Jeder von euch stellt die Frage nach dem Sinn des Leids. Genau damit befasst sich die Theodizee.

Was bedeutet Theodizee?
Definition

Der Begriff wurde von dem Aufklärer Gottfried Wilhelm Leibniz Anfang des 18. Jahrhunderts geprägt und kommt aus dem Griechischen: "theos" bedeutet "Gott" und "dike" Recht, Gerechtigkeit. Theodizee bedeutet also Rechtfertigung Gottes als allmächtiger und guter Gott angesichts von physischem, moralischem und metaphysischen Übel. Physisches Übel ist zurückzuführen auf Unzulänglichkeiten in der Natur, wie Naturkatastrophen und Krankheiten. Moralisches Übel hat der Mensch zu verantworten (Gewalt, Mord, Krieg) und metaphysisches Übel hat seine Ursachen in den Bedingungen menschlicher Existenz, z. B. Begrenztheit des Lebens, die Frage, warum wir überhaupt sterben müssen.

Was ist so kompliziert?
Das Theodizeeproblem

Wir Christen glauben, dass Gott existiert. Damit wirkt er in dieser Welt. Gott ist allmächtig, dass bedeutet, er kann Leid verhindern. Gott ist gütig, also will er Leid verhindern. Das steht im Widerspruch zur aktuellen Situation, denn es gibt Leid in der Welt. Der Philosoph Epikur hat das folgendermaßen verdeutlicht: Gott will die Übel beseitigen und kann es nicht, also ist Gott schwach und nicht allmächtig. Gott kann sie beseitigen, will es aber nicht: Gott ist schlecht. Gott kann und will nicht, damit wäre Gott schwach und schlecht. Oder Gott kann und will die Übel beseitigen: Warum gibt es sie dann und warum nimmt er sie nicht hinweg?
Übrigens hat man sich schon früher im Alten Testament mit Leid beschäftigt, nämlich im Buch Hiob. Darin wird erzählt, wie u. a. die Kinder und Tiere des wohlhabenden, gläubigen Hiobs sterben und er selbst todkrank wird, um ihn auf die Probe zu stellen.

Das Leid und warum es da ist
Erklärungsversuche

Hat Leid einen Sinn? Wie man Leid deuten kann, zeigen diese Versuche:
Leid ist ein Stück der Unbegreiflichkeit Gottes. Wie Gott selbst den Menschen unbegreiflich ist, bleibt auch das Leid unverständlich für uns. Es ist in gewisser Weise auch eine Entlastung, nicht alles wissen und beweisen zu müssen.
Früher wurde Leid als Strafe Gottes angesehen. Das wird auch Tun- und Ergehenszusammenhang genannt. Ist jemand krank, wurde daraus gedeutet, er habe gesündigt und dafür von Gott bestraft.
Leid ist auch eine natürliche Begleiterscheinung der sich frei entwickelnden Welt, die ja von Gott geschaffen wurde aber nicht weiter von ihm beeinflusst wird. Die Naturgesetze und der Kampf ums Überleben sind ein Beispiel.
Für Atheisten ist das Leid der Fels ihrer Ansichten. Leid wird es immer geben, es ist nicht aus der Welt zu schaffen. Deshalb ist Leid einer der stärksten Beweise der Nichtexistenz Gottes und Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz.
Gott lässt Freiheit: Gott liebt die Menschen so sehr, dass er ihnen Verantwortung und Freiheit geben möchte. Das schließt auch ein, dass Menschen auch einen anderen Weg wählen dürfen, der nicht Gottes Wille ist. Freiheit ist auch wichtig für den Weg zur menschlichen Reifung und um eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Wie in Hiob kann Leid auch als Prüfung des Gottesglaubens angesehen werden.

Reaktionen
Grundhaltungen und Bewältigungsmöglichkeiten

Wie geht man mit Leid um? Jeder Mensch versucht, damit fertig zu werden. Dabei unterscheidet man einige Arten:
Es gibt Menschen, die es verdrängen, sie sind unfähig zum Leiden (Apathie). Sie betäuben ihre Wahrnehmung z. B. durch übertriebenes Konsumverhalten oder Drogen.
Manche gehen den Weg zur Gefühlskälte und zur Distanz (Ataraxie). Ähnlich wie im Buddhismus, mit dem achtteiligen Pfad zur völligen Überwindung, wird Leben als Leid verstanden.
Emphatie ist das Gegenteil: Man fühlt mit den Betroffenen und setzt sich aktiv für die Bekämpfung des Leids ein.
Leider gibt es auch Menschen, die aufgrund eines Leids gar nicht mehr weiter wissen. Sie geben ihren inneren und äußeren Widerstand auf und lehnen ihr Leben ab (Resignation und Verzweiflung). Das kann bis zum Selbstmord, Hass gegenüber Gott und Unglaube gehen.
Andere ringen mit Gott. Sie glauben und vertrauen aber auf den unbegreiflichen, nahen wie fernen Gott. Sie setzten sich mit Gott und Leid auseinander.
Man kann Leid auch im Glauben an Jesus Christus annehmen. Er selbst ging den Weg des Leids bis zum grausamen Tod am Kreuz. Gott ist somit bei den Menschen, die leiden und schaut nicht weg. Das macht ihn solidarisch und symphatisch.

Und jetzt?
Wie ich es sehe

Letztlich ist es die freie Entscheidung des Menschen, wie er mit dem Leid und Übel umgeht. Der christliche Standpunkt ist ein sinnvolles Angebot der Leidbewältigung:
Gottes Liebe bewahrt nicht vor Leid, sondern im Leid.
Glaube weiß nicht den Weg vorbei, sondern den Weg hindurch.
Leid lässt sich nicht (immer) verstehen, aber bestehen.
Wir wissen sicher:
Gott ist hundertprozentig gut.
Er hat die Welt gut erschaffen, doch sie ist noch nicht vollendet. 
Die entscheidende Frage heißt deshalb: 
Wie könnte ein Mensch mit Herz und Verstand das Leben in dieser Welt ertragen, wenn es Gott nicht gäbe?





Hrsg. Prof Dr. Hans Mendl und Prof. Dr. Markus Schiefer-Ferrari. Religion vernetzt 11. München: Kösel-Verlag, 2009
„Theodizee – ‚Fels des Atheismus‘“
Hrsg. Österreichische Bischofskonferenz. YOUCAT DEUTSCH, Jugendkatechismus der Katholischen Kirche.
München: Pattloch Verlag GmbH & Co. KG, 2011


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