Dienstag, 17. Oktober 2017

Ein neues Abenteuer

Heute am Schreibtisch hinter Büchern. Und morgen?
Im März 2016 - ich saß gerade über meiner ersten Seminararbeit - fiel mir ein, dass ich im Sommer nächsten Jahres mit dem Studium fertig sein würde. Schon wieder musste ich mir Gedanken machen, wie es danach weiter gehen soll. Langsam nervt das ein bisschen, fand ich. Die Entscheidung fürs Studium in München war noch nicht so lange her und für mich ein großer Schritt Richtung Selbstständigkeit. Gerade war ich doch sehr zufrieden und ich hätte gerne ewig so weitergemacht (dasselbe habe ich übrigens während meiner Schulzeit auch gesagt). Das Studieren gefiel mir und ich hatte mich sehr gut eingelebt und an alles gewöhnt. 

Rückblickend war 2016 ein wirklich gutes Jahr, in dem ich mich selber sehr gut kennenlernte. Damals arbeitete ich als Werkstudentin bei Siemens und bemerkte, dass ich gerne noch etwas lernen möchte, was fürs Arbeitsleben wichtig ist, z. B. Kenntnisse in Betriebswirtschaft oder sicheres Englisch. Von Anfang an war mir bewusst gewesen, dass die Berufswahl mit einem Germanistik-Abschluss schwierig werden könnte. Die Idee, in einem fachnahen Beruf zu arbeiten (in einem Verlag, als Lektorin, als Journalistin, an der Uni) war mittlerweile etwas in die Ferne gerückt. Ich habe mich für Germanistik vor allem aus dem Grund entschieden, weil es mich brennend interessierte. Ich habe mich auf ein Studentenleben in München gefreut, das ich nach meinen Vorstellungen gestalten durfte. Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung und ich würde es heute genau so wieder machen.

Neben meiner alltäglichen Arbeit drängte sich von da an immer wieder die Frage nach dem Danach in meine Gedanken. Ich könnte z. B. weiterstudieren, eine Ausbildung beginnen, ins Arbeitsleben starten, oder im Ausland gehen. Bei letzterem blieb ich hängen: Warum eigentlich nicht? Ein Auslandssemester im Bachelor kam für mich kaum in Frage, weil ich erstens aus München nicht wegwollte und mein gutes Zimmer im Wohnheim verlieren wollte und zweitens erschien es mir am sinnvollsten, Deutsch auch in deutscher Sprache zu studieren. Ich schaute mir verschiedene Linguistik-Master an, las Erfahrungsberichte von Au-Pairs in Alaska und stöberte auf den Seiten diverser Reiseanbieter. Ein längerer Auslandsaufenthalt wäre eigentlich super, um auf neue Leute zuzugehen und Erfahrungen jeder Art zu machen und natürlich gut für die Persönlichkeitsentwicklung. Mittlerweile ist ein Gap Year auch fester Bestandteil vieler Lebensläufe und würde mein Berufsprofil schärfen. Ich dachte, es wäre der richtige Moment, um meine freie Zeit zu nutzen, bevor ich arbeiten werde. Anders als direkt nach der Schule fühlte ich mich jetzt bereit dafür. Ich kannte mich selbst inzwischen so gut, dass ich mir das zutraute. 

Im Laufe des Sommers konkretisierte sich mein Vorhaben immer mehr: Ich würde meine Reise selbst organisieren, weil ich so am unabhängigsten war. Der Lebensstandard im Reiseland sollte so ähnlich wie in Deutschland sein. Daneben wollte in ein englischsprachiges Land, weil mir die Sprachkenntnisse für die Zukunft sehr wichtig waren: Großbritannien war mir zu wenig weit entfernt. Australien war mir zu warm, hatte zu wenig Berge und ich habe schon viele Bilder gesehen und Erfahrungen mitbekommen, weil einige Mitschülerinnen bereits dort gewesen sind. Auch meine Schwester entschied sich im September 2016, dort ebenfalls ein Work & Travel zu machen. Die Wahl fiel schließlich auf USA und/ oder Kanada. Die vereinigten Staaten lösten bei mir immer etwas Bedenken aus (Mentalität, Waffengesetze, Einreisebestimmungen, Trump). Über Kanada wusste ich praktisch nichts und genau das machte eine Reise dorthin attraktiv. An die olympischen Spiele konnte ich mich noch erinnern, aber was genau machte Kanada aus? In meinem Bekanntenkreis kannte ich auch niemanden, der längere Zeit dort gewesen ist. Nachdem ich mehr über das Land gelesen und angeschaut hatte, gefiel es mir immer besser: Schöne Landschaften, Berge, offene und freundliche Einheimische! Jeder, dem ich davon erzählte, schwärmte von diesem Land. 

Anika aus Vancouver zu Besuch in der Heimat.
Hier sind wir auf den Wank gewandert.
Als ich im August in Taizé (Frankreich) war, das sehr international geprägt ist, kam ich auf die Idee, mit Kanadiern und Amerikanern Kontakte zu knüpfen. Einheimische könnte ich bei meiner Reiseplanung um Rat fragen und vielleicht auch eine Übernachtungsgelegenheit gewinnen. Tatsächlich hatte ich am Ende Kontaktdaten u. a. aus Seattle, Los Angeles, Chicago, New York, Austin und Vancouver! Am meisten Kontakt hatte ich schließlich mit Anika aus Vancouver, die zufälligerweise nach Taizé für ein Jahr in Europa blieb und mich sogar im April zu Hause besuchte. Das war eine wunderbare Erfahrung und sie machte mich sicherer in meinem Vorhaben. 


Im Oktober bewarb ich mich für das Working Holiday Visum, es gab viele Dokumente zu organisieren. Ich freute mich riesig, als ich es im Januar 2017 endlich bekam! Ich wollte unbedingt im Oktober reisen, nachdem ich mein Studium beendet hatte. Außerdem war der Herbst für mich immer eine Zeit des Neuanfangs und das passte sehr gut. Bis es soweit war, arbeitete ich noch bei Siemens und danach bei Edeka, schrieb meine Bachelorarbeit und zog nach Hause um.
Weil ich Anika nun kannte, lag es nahe, nach Vancouver zu reisen. Ich könnte die ersten Tage bei einer Freundin/ Bekannten von ihr unterkommen, mit ihr die Stadt erkunden und mir dann eine WG und einen Job suchen. Im Juni buchte ich meinen Flug von Frankfurt aus, weil das der bestmögliche Direktflug war. Dorthin würde ich mit dem Zug von zu Hause aus starten.

Wie kann ich nachhaltiger konsumieren?
Diese Frage beschäftigte mich sehr oft. 
In einer größeren Stadt war es wahrscheinlich am besten möglich, Zero Waste und vegan zu leben. Diesen beiden Begriffen schenkte ich seit Monaten mehr und mehr Aufmerksamkeit und mit großer Leidenschaft beschäftigte ich mich mit dem Thema Nachhaltigkeit. Dass es ein Flug allgemein nicht gerade nachhaltig ist, war mir sehr wohl bewusst, aber das musste ich aufgrund einer unverzichtbaren Auslandserfahrung in Kauf nehmen. Im März las ich auf dem Blog von Shia, dass sie mit ihrem Mann nach Vancouver gezogen ist und ihren sehr nachhaltigen Lebensstil dort verwirklichte. Sie fotografierte und zeigte so viel von ihrem Leben, dass ich sehr zuversichtlich war. Vancouver hatte so ziemlich alles, was ich mir vorgestellt hatte. Auf ein klassisches Work & Travel mit vielen Orts- und Arbeitswechseln wollte ich mich daher noch nicht einlassen. Ich hatte nicht das Gefühl, ins Ausland zu müssen, um herauszufinden, wer ich eigentlich war und was ich mit meinem Leben anstellen wollte. Das ist in München größtenteils von selbst passiert und darüber bin ich sehr froh. Mein Plan war vorerst, ein Jahr in Vancouver zu leben und zu arbeiten, Gleichgesinnte zu treffen. Ich liebte Alltag und würde einen nach meinem Geschmack entwickeln. Im Grunde wollte ich meine neu entdeckte Lebensweise einfach noch besser verwirklichen und ausprobieren, nur eben an einem anderen Ort dieser Welt.

Ich konzentrierte mich immer mehr auf diese Stadt: Ich klapperte Facebook-Gruppen nach Restauranttipps ab, lernte das Straßennetz auswendig und stöberte auf Craigslist (ähnlich wie Ebay) nach Job-, Wohnungs-, und Verkaufsangeboten. Ende August fand ich auf Craigslist ein Zimmer in einem Haus, das mich sofort begeisterte, weil es genau das war, wonach ich gesucht hatte: Eine Wohnung mit Gleichgesinnten, die Wert auf eine vegane Lebensweise legten. Ich verwarf den Plan, erst vor Ort eine WG zu suchen und nahm Kontakt mit der Vermieterin auf. Wir verstanden uns auf Anhieb, sie zeigte und erklärte mir alles. Eine Woche später hatte ich mit dem unterschriebenen Mietvertrag in Vancouver schon ein Dach über dem Kopf.


Bis zum Reisetag, dem 11. Oktober, vergingen noch ein paar Wochen, die ich mit Aufräumen, Packen und Verabschiedungen verbrachte. Seit einem guten Jahr fieberte ich auf diesen Zeitpunkt hin und dann war er auf einmal da.